Carl Wilhelm Scheibler – Chemiker aus Monschauer Familie

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CarlScheiblerWer nach bemerkenswerten historischen Persönlichkeiten der Eifel Ausschau hält, wird in der Nordeifler Tuchmacherfamilie Scheibler vielfach fündig. Johann Heinrich Scheibler (1705–1765), Sohn eines evangelischen Pfarrers und Urgroßonkel des Chemikers Carl Wilhelm Scheibler, hatte nach Heirat und Niederlassung in Monschau dort eine außerordentlich erfolgreiche Tuchfabrikation begründet; das von ihm erbaute Rote Haus dokumentiert bis heute in Monschau den Ruhm dieser Familie. Andere Scheibler führten die Fabrikantentätigkeit über Generationen in großem Stil fort und bauten sie durch Niederlassungen und Neugründungen international aus. Aus der reichen Reihe der Scheibler-Unternehmer seien hier nur noch zwei Industriepioniere des 19. Jahrhunderts erwähnt: Karl Wilhelm Scheibler (1820–1891), der die Scheiblerwerke in Polen zu den größten Textilbetrieben des Landes machte und als „Baumwollkönig“ von Polen ein gewaltiges Vermögen anhäufte, und Carl J.H. Scheibler (1852–1920), einer der wichtigsten deutschen Düngemittelfabrikanten seiner Zeit.

Der 1827 geborene Carl Wilhelm Scheibler war eines von über zehn Kindern des Kaufmanns Friedrich A. T. Scheibler und dessen Ehefrau Anna Gertrud Eschweiler. Carls Großmutter väterlicherseits war die Berlinerin Sophie Scheibler (geb. Koblanck), deren Bruder Hauslehrer der Humboldt-Brüder und Hofprediger des Preußenkönigs Friedrich des Großen war, und die auch selbst als Verfasserin eines erfolgreichen Kochbuchs hervortrat. Als Geburtsort von Carl Scheibler wird teilweise Gereth, teilweise Kettenis angegeben. Beide Ortschaften gehören heute zum ostbelgischen Eupen, während sie zu Scheiblers Zeit Teil des preußischen Regierungsbezirks Aachen waren. In dieser „Scheibler-Region“ zwischen Monschau, Eupen und Aachen verbrachte Carl überwiegend seine Kinder- und Jugendjahre. Ob er damals  das eindrucksvolle Erbe seiner Vorfahren eher als Last oder als Ansporn sah, wissen wir nicht. Die  Tatsache, dass er nach seiner Aachener Schulzeit 1848 an der Universität Berlin das Studium der Chemie aufnahm, deutet an, dass er neue Wege gehen wollte. Die Chemie gehörte im 19. Jahrhundert zu den besonders rasant aufstrebenden Wissenszweigen.  Wer sich dieser jungen Wissenschaft verschrieb, konnte bei günstigem Karriereverlauf sowohl auf wissenschaftliche Entdeckungen als auch auf besonderen wirtschaftlichen Erfolg rechnen. Genau dieser Gang der Dinge zeichnete sich auch bereits beim Jungchemiker Scheibler ab. Nach dem Studium in Berlin wurde er 1853 für mehrere Jahre Assistent von Professor Gustav Werther in Königsberg. Bald nach der Promotion 1861 trat Carl Scheibler mit einer kommerziell nutzbaren Eigenentwicklung hervor:  „Scheibler‘s Mundwasser“ versprach als parfümierte antiseptische essigsaure Tonerde-Lösung eine Reinigung des Mundes von Schadkeimen und erzielte beachtlichen Absatz. Das für sein weiteres Berufsleben maßgebliche Feld fand Scheibler, als er 1858 in die Pommersche Provinzial-Zuckersiederei in Stettin eintrat. Zucker – auf diesem Gebiet gelangen dem Eifler Chemiker bedeutende Fortschritte, die bis heute mit seinem Namen verbunden sind. 1863 erfand er ein neues Verfahren zur Melasseentzuckerung; die praxisorientierte Zuckerforschung blieb fortan Schwerpunkt seiner Arbeit. Scheibler, der seit 1870 an der Gewerbeakademie Berlin lehrte, hatte 1867 das Berliner Zuckerinstitut mitgegründet, das eng mit der Rübenzuckerindustrie zusammenarbeitete. Dabei spielten sicherlich auch Scheiblers Eifler Verbindungen eine Rolle; mit dem Dürener Valentin Pfeifer (1837–1909) und dessen Kölner Unternehmen Pfeifer & Langen war die Nordeifel in der Zuckerproduktion an führender Stelle vertreten. Von 1864 bis 1878 war Scheibler Redakteur der Zeitschrift des Vereins für die Rübenzucker-Industrie, dann wurde er Herausgeber der von ihm gegründeten Neuen Zeitschrift für die Rübenzucker-Industrie. 1880 gelang dem im gleichen Jahr zum Professor ernannten Scheibler mit der Entwicklung des Strontianverfahrens zur Melasse-Entzuckerung ein weiterer Meilenstein auf seinem Spezialgebiet. Durch die Patentierung dieses Verfahrens sowie 18 weitere Patente konnte es sich Scheibler leisten, seine Zuckerforschungen in einem Privatlaboratorium zu betreiben und schließlich ein Leben als wohlhabender Privatier zu führen. Sein eigentliches Privatleben war nach der Scheidung von seiner Frau seit 1863 durch das Zusammenleben mit Charlotte Uterhart (1845–1906) gekennzeichnet; aus dieser Beziehung gingen fünf außereheliche Kinder hervor. Wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam bleibt Scheibler, der rund 180 Fachpublikationen aufzuweisen hatte, nicht zuletzt auch als Mitgründer der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Wenn sich auch sein wissenschaftlicher Rang nicht mit dem seines Eifler Landsmannes und Chemie-Nobelpreisträgers Emil Fischer vergleichen lässt, so zählt  der 1899 in Berlin verstorbene Zuckerchemiker Carl Wilhelm Scheibler doch zu den Forscherpersönlichkeiten, die zur frühen Weltgeltung der deutschen Chemie beitrugen.

(Quelle: Gregor Brand, Eifelzeitung, Januar 2014)

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Johann (Jean) Wagner – Großuhrmacher aus Pfalzel

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WagnerUhrNiemand weiß, was um 1790 den Pfalzeler Uhrmacher J. Bernard-Henri Wagner bewegte, kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution ausgerechnet in deren Pariser Metropole eine Uhrenmanufaktur zu errichten. Vielleicht dachte er sich: Mögen auch die Franzosen eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit eröffnen  – auch diese Zeit muss gemessen werden. In den folgenden Jahren gelang Wagner jedenfalls der Nachweis, dass die von ihm fabrizierten Zeitmesser dazu besser als die der meisten Konkurrenten geeignet waren. Nicht zuletzt aufgrund von J. Bernard-Henri Wagner selbst entwickelter technischer Verbesserungen und Erfindungen erregten seine Uhren schon auf der Pariser Ausstellung von 1802 bei Fachleuten Aufsehen. Fortan zählte der Name „Wagner“ in Paris und weit darüber hinaus zu den Glanzlichtern der Großuhrmacherkunst. Dazu trugen zwei weitere Mitglieder dieser hoch begabten moselländischen Handwerkerfamilie bei: die Neffen Bernard-Henry Wagner (1790-1855) und dessen Vetter Johann Wagner, der als „Jean Wagner le neveu“ (Johann Wagner der Neffe) in die Geschichte des Uhrenbaus eingegangen ist. Beide Neffen führten im 19. Jahrhundert in Paris berühmte Großuhrenbetriebe. Wegen der Übereinstimmung der Familiennamen, der Tätigkeiten und des zeitlichen Rahmens gibt es manchmal Verwirrung darüber, welcher der drei Wagner gemeint ist, wenn etwa ein bestimmtes Werk des Uhrmachers „Monsieur Wagner“ gerühmt wird. 

 Johann Wagner kam 1800 in Pfalzel zur Welt, wenige Jahre später arbeitete der Südeifler als Lehrling in der Pariser Großuhrenwerkstatt seines Onkels. Nach Abschluss seiner Ausbildung war Jean zunächst einige Jahre weiter für seinen Onkel tätig, ehe er sich im Alter von etwa 30 Jahren in Paris selbständig machte. Wie das Unternehmen seines Cousins Bernard-Henry entwickelte sich auch der Betrieb Jean Wagners zu einem der berühmtesten des Kontinents. Monumentale Turmuhren, aber auch andere meisterliche Großuhren von Jean Wagner wurden von Schottland bis Nordafrika gebaut – und in seinem Heimatort Pfalzel: 1868 schenkte Jean Wagner der Kirche seiner Heimatgemeinde eine Turmuhr, auf deren Zifferblättern sein Name zu lesen ist. Diese Uhr wurde vor einigen Jahren restauriert und ist nun zur Freude der Pfalzeler wieder voll funktionsfähig.

Zum damaligen Zeitpunkt war Jean Wagner bereits etliche Jahre Hofuhrmacher für Kaiser Napoleon III, ausgezeichnet mit dem Kreuz der französischen Ehrenlegion und Träger zahlreicher Goldmedaillen für die Produkte aus seiner Uhrenwerkstatt. Typisch für diese Pfalzeler Uhrmacherfamilie war die bemerkenswerte theoretische Durchdringung der Großuhrenfabrikation. Auf Johann Wagner gehen neben wichtigen Veröffentlichungen zum Uhrenbau etliche patentierte technische Neuerungen zurück, darunter „Präzisions-Meßinstrumente mit epochemachenden Verbesserungen“ (Wolfgang Meter).

Der Herstellungsspektrum von „J. Wagner“ – so steht sein Name stolz auf den Uhren – war breit und anspruchsvoll. Für die Pariser Ausstellung 1861 ließ er eine bis heute bewunderte Skelettuhr – so genannt, weil sie einen Einblick in das Innere des Uhrenwerks ermöglicht – anfertigen, für Liverpool eine höchst kunstvolle Musikturmuhr. Für die Festungsbauten der französischen Armee von Paris bis Nordafrika lieferten die Wagner-Cousins die ersten elektrischen Uhren. Vor wenigen Jahren wurde die französische Öffentlichkeit auf überraschende Weise erneut auf den Meisteruhrmacher Jean Wagner aufmerksam. Aktivisten der Gruppe „Untergunther“, die sich als Art Kulturguerilla versteht, hatten sich 2005 Zugang zum Pariser Panthéon verschafft. In diesem französischen Nationalheiligtum, in dessen Mausoleum Titanen der französischen Zivilisation wie Rousseau, Zola oder Victor Hugo bestattet sind, setzen sie heimlich mit Hilfe des Uhrmachers Viol die von Jean Wagner 1850 errichtete Uhr wieder in Gang. Wagners Panthéon-Uhr hatte jahrzehntelang in diesem Tempel irdischer Unsterblichkeit die Zeit verkündet, war aber nach einer Beschädigung nicht repariert worden. Die Untergunther-Aktion erhellte schlaglichtartig die historische Bedeutung des Eifler Uhrmachers, dem man einst in Frankreich die Zeitmessung einer nationalen Kultstätte anvertraut hatte.

Trotz aller Ehrungen und materiellen Erfolge schlug das Herz des großen Uhrenbauers bis zuletzt vor allem für seine Heimat am Moselufer. Jean Wagner unterstützte Verwandte und andere Bürger in Pfalzel, ließ dort für seine Schwester ein Haus errichten, in dem er eigentlich sogar seinen Lebensabend verbringen wollte.  Dazu kam es aber aufgrund einer schweren Erkrankung nicht mehr. Am 15. Februar 1875 war die Erdenzeit Wagners abgelaufen. Er starb in der Nähe von Paris, für die Bestattung seines Herzens hatte er aber – wie einst Kardinal Nikolaus von Kues – testamentarisch seinen Heimatort an der Mosel vorgesehen. Auf dem dortigen Friedhof bewahrt ein eindrucksvolles Sandstein-Grabdenkmal die Erinnerung an diesen Großmeister des Uhrenbaus.

 (Quelle: Gregor Brand: Johann Wagner – Großuhrmacher aus Pfalzel. In: Eifelzeitung vom 23. 1. 2014)

Hubert Knackfuß – Bauforscher und Archäologe aus Dahlem

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Unter den im ersten vorchristlichen Jahrtausend von Griechen bewohnten Städten an der Ostküste des Mittelmeeres nahm Milet eine herausragende Stellung ein. Wirtschaft und Kultur dieser in der heutigen Westtürkei gelegenen antiken Metropole prägten den Mittelmeerraum nachhaltig. Mit dem Philosophen Thales (ca. 625-550 v. Chr.) gebührt Milet der Ruhm, den Urvater der europäischen Philosophie zu stellen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war allerdings über das antike Milet und andere ruhmvolle Stätten in seiner Umgebung im wahrsten Sinn des Wortes Gras gewachsen. Niemand wusste, was an den alten Beschreibungen Wahrheit oder Erfindung war. Der Eifler Archäologe Hubert Knackfuß gehört zu denjenigen, die das Wissen um dieses Erbe der Weltkultur grundlegend wiederbelebten.

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Hubert Knackfuß wurde am 25. Juni 1866 im Nordeifelort Dahlem geboren – rund eine Woche vor der Schlacht von Königgrätz, die mit dem Sieg der Preußen über die Österreicher den Gang der deutschen Geschichte entscheidend beeinflusste.  Dieses militärische Ereignis dürfte im Hause Knackfuß auf besondere Beachtung gestoßen sein – immerhin war Huberts Großvater Friedrich Knackfuß (1772–1842) preußischer Generalmajor gewesen. Man kann sich gut vorstellen, dass der erneute Triumph der preußischen Fahnen auch Huberts Eltern, den Rentmeister Eduard Knackfuß und seine Gattin Bernhardine Freifrau von Martial, mit dem zeittypischen Stolz erfüllte. Neben der soldatischen Tradition gab es in der Familie allerdings noch ein anderes, stärkeres Erbe. Hinter dem durchaus drollig anmutenden Namen Knackfuß verbirgt sich eine höchst eindrucksvolle künstlerische und hochkulturelle Familientradition, die hier nur angedeutet werden kann. Huberts Großmutter Walpurgis Settegast, Ehefrau des erwähnten Generals Friedrich Knackfuß, gehörte zur namhaften Koblenzer Medizinerfamilie Settegast; mütterlicherseits war sie eine Kusine des berühmten Publizisten Joseph Görres sowie eine Nichte des Koblenzer Oberbürgermeisters Johann Josef Mazza. Ihre  Schwester Caroline Settegast, Huberts Großtante, war eine im Rheinland außerordentlich angesehene Wohltäterin.

Im Gegensatz zu seinen wesentlich älteren Brüdern Hermann und Eduard, die sich als Maler und Kunsthistoriker einen Namen machten, zeigten sich die künstlerisch-historischen Neigungen bei Hubert Knackfuß eher auf Umwegen. Auf das Architekturstudium an der TH Aachen ließ er eine vierjährige Ausbildung als Regierungsbauführer in Kassel folgen; 1899 wurde er preußischer Regierungsbaumeister.  Zu dieser Zeit bot Knackfuß, der schon lange die Ausgrabung und Erforschung antiker Stätten mit brennendem Interesse verfolgt hatte, dem Archäologen Theodor Wiegand seine Mitarbeit bei dem international Aufsehen erregenden Projekt der Ausgrabung Milets an. Wiegand, ein Bendorfer Arztsohn und mit Knackfuß gut bekannt, gewann mit dem Eifler Baubeamten einen Mitarbeiter, der in der Archäologie neue Maßstäbe setzte. Knackfuß war dafür bekannt, mit höchster Genauigkeit und vorbildlicher Sorgfalt zu Werke zu gehen. Unter seiner technischen Führung wurden auf dem schwer zugänglichen Gelände Milets Theater, Rathaus und Teile des Markts mit bis dahin nicht gekannter Präzision freigelegt und dokumentiert. Mit der millimetergenauen Vermessung von Wandstärken, Farbschichten, Treppenhöhen usw. versuchte Knackfuß den Geheimnissen antiker Bautechnik auf die Spur kommen und wurde so zum Hauptbegründer der historischen Bauforschung als wissenschaftlich fundiertem Teil der Archäologie. Er selbst bevorzugte für sein Forschungsgebiet den Ausdruck „Antike Baukunst“, was seine ehrfürchtige  Bewunderung für die Bauleistungen der Antike deutlich macht. Als der preußische Baurat Knackfuß 1919 ordentlicher Professor für Antike Baukunst an der TH München wurde, hatte er eine zwei Jahrzehnte dauernde ergiebige archäologische Tätigkeit hinter sich. Auf die Ausgrabungen in Milet war die unter der technischen Leitung von Knackfuß erfolgte Freilegung des legendären Apollon-Tempels von Didyma erfolgt, einer der größten Tempelanlagen der Antike. Die von Knackfuß 1941 nach langer, sorgfältigster Arbeit veröffentlichte Dokumentation dieses religiösen Zentrums war die bis dahin umfassendste Darstellung eines antiken Baudenkmals überhaupt. Neben der Entdeckung und Erforschung der antiken Bauwerke galt das Hauptinteresse von Knackfuß ihrer detailgenauen Rekonstruktion. Besonders eng mit seinem Namen verknüpft ist das Markttor von Milet, dessen Fassade ebenso wie andere Ausgrabungsstücke im Pergamonmuseum in Berlin zu bewundern sind.

Professor Knackfuß, der 1920 in erster Ehe eine 25-jährige Griechin geheiratet hatte, wurde 1934 emeritiert und musste zusehen, wie sein Lehrstuhl mit dem NS-Architekturtheoretiker Alexander von Senger besetzt wurde. Als Knackfuß nach Kriegsende seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen durfte, versuchte er als fast 79-Jähriger einen Neuanfang. Hubert Knackfuß, bis heute international anerkannt als Pionier der antiken Bauforschung, starb  im Frühjahr 1948 in München.

(Quelle: Eifelzeitung vom 28. 12. 2013)     

Cyrillus Jarre: Erzbischof und Märtyrer in China aus Ahrweiler

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Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 entstand unter Führung Mao Tse-tungs eine kommunistische Diktatur, der nach Schätzungen von Historikern mehr als 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Manche der entsetzlichen Einzelschicksale der Ermordeten und Gefolterten wurden in den vergangenen Jahren durch Historiker (z. B. Frank Dikötter) ans Licht geholt und dokumentiert. Trotzdem gehen die meisten Namen von Maos Opfern im Meer der schier unfassbaren Menge unter. Zu den Ausnahmen zählt ein Eifler: Cyrillus Jarre, der 1952 an den Folgen seiner Haft verstorbene Erzbischof von Tsinan.

Jarre

 Dessen brutal endendes Leben hatte 1878 hoffnungsfroh in Ahrweiler begonnen, wo Rudolf – so sein eigentlicher Vorname – Jarre  zusammen mit seiner Zwillingsschwester Anna Maria als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Jarre (1842–1924) und dessen Ehefrau Anna Maria Müller (1840–1906) zur Welt gekommen war. Ein jüngerer Bruder des späteren Erzbischofs war Anton („Toni“) Jarre, der nach dem 2. Weltkrieg als Bürgermeister in Ahrweiler wirkte und 1957 Ehrenbürger seiner Heimatstadt wurde. Ins Ahrtal war der Familienname Jarre erst durch den Hamburger Schreinermeister Johann Matthias Jarre (1805-1887) gekommen, der sich nach seiner Heirat mit der Ahrweilerin Maria Gudula Schönewald dort niederließ. In Hamburg hatte es im 17. Jahrhundert einen Bürgermeister Jarre  gegeben; bis heute erinnert die Jarrestadt in Hamburg-Winterhude an diese Familie. Die Erziehung Rudolf Jarres erfolgte in einem tief prägenden katholischen Umfeld. Früh wurde ihm als „Aloysiusjunge“ die Marienfrömmigkeit und Keuschheitsliebe des hl. Aloysius als Ideal vermittelt; im Dreikaiserjahr 1888 wurde der Zwölfjährige stolzer Aloysiusschützenkönig. Dem Vater ging die Frömmigkeit seines Sohnes fast zu weit. Von dessen Kindheitswunsch, Franziskaner zu werden, wollte er ihn in der holländischen Franziskanerschule Harreveld „kurieren“ – vergeblich. Rudolf Jarre trat den  Franziskanern bei und nahm den Ordensnamen Cyrillus an. Nach der Priesterweihe 1903 brach er im folgenden Jahr als Missionar nach China auf. Auf das Reich der Mitte blickte man damals im Deutschen Reich aufmerksam. Wilhelminische Truppen beteiligten sich an der Niederschlagung des „Boxeraufstandes“, in Tsingtau erwarb das Kaiserreich Kolonialbesitz. Als die Japaner diese Kolonie im 1. Weltkrieg eroberten, geriet Jarre, der zuvor an einem Priesterseminar unterrichtet hatte, in deren gefürchtete Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr erwarb er sich bei Flutkatastrophen des Gelben Flusses große humanitäre Verdienste, ehe er von seinem Orden 1924 als Professor an die Ordenshochschule San Antonio in Rom berufen wurde. Der  Experte für katholisches Kirchenrecht veröffentlichte zahlreiche Schriften und bewies mit zwei Übersetzungen, wie außergewöhnlich seine Kenntnis Chinas war: Jarre übersetzte sowohl das chinesische Zivilgesetzbuch ins Lateinische als auch das katholische Gesetzbuch CIC vom Lateinischen ins Chinesische – grandiose geistige Leistungen von bleibendem interkulturellen Wert. Im Alltag trat der körperlich kleine Mann sehr schlicht auf und passte sich nicht nur mit seiner einfachen chinesischen Kleidung den Landesgewohnheiten an. Jeden Tag stand er um 4 Uhr auf, betete, meditierte und feierte die heilige Messe. „Bete, als hülfe kein Arbeiten; arbeite, als hülfe kein Beten“, war einer seiner ehernen Grundsätze.

Im Mai 1929 wurde Jarre zum Apostolischen Vikar in Tsinan (auch: Jinan), der am Gelben Fluss gelegenen Hauptstadt der Provinz Shandong, sowie zum Titularbischof ernannt. In den dreißiger Jahren wirkte Jarre wieder im kriegsgeschüttelten China. Als nach 1945 der chinesische Bürgerkrieg in seine entscheidende Phase kam, ernannte Papst Pius XII. den Eifler zum Erzbischof von Tsinan. Für den Franziskanerbischof ging es darum, die kleine katholische Minderheit widerstandsfest zu machen. Erzbischof Jarre setzte dabei stark auf die Laienbewegung Legio Mariae, die er in allen Pfarreien förderte. Als sich die Kommunisten 1949 endgültig im Bürgerkrieg durchsetzten, wurde die Lage für Jarre bedrohlich. Mao und seine marxistischen Mitstreiter huldigten einem militanten Atheismus, der Religion als Opium für das Volk verachtete. Der romtreue Jarre, der eine  kommunistisch beherrschte Nationalkirche ablehnte, wurde zum Staatsfeind erklärt und kam 1951 in Einzelhaft. Der 73-Jährige musste ständig eiserne Handfesseln tragen und 14 Stunden täglich stillsitzen. Verhöre, Mangelernährung und weitere schmerzhafte Schikanen führten zu tödlicher Erkrankung. Nach seinem Tod im März 1952 wollten ihn die Funktionäre schmachvoll in Häftlingskleidung bestatten. Nur dank des lebensgefährlichen Einsatzes von Gläubigen wurde er schließlich in einem weißen Gewand ehrenvoll in einem Felsengrab beigesetzt. In den vergangenen Jahren trugen Veröffentlichungen von G. Han, H. Schneider und P. B. Steffen dazu bei, dass das ferne Schicksal dieses Eifelkindes nicht in Vergessenheit gerät.

Konrad Adenauer – Staatsmann mit Eifler Wurzeln in Flerzheim

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Als Konrad Adenauer im September 1949 zum ersten Bundeskanzler der wenige Monate zuvor gegründeten Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, stand seine Regierung vor gigantischen Herausforderungen. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs mit seinen fürchterlichen menschlichen und materiellen Verwüstungen waren noch allgegenwärtig. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene mussten schnell in die Gesellschaft eingegliedert werden, Städte und Dörfer wiederaufgebaut, eine stabile Demokratie errichtet und eine funktionierende Wirtschaftsordnung geschaffen werden. Höchst schwierig war zudem die Schaffung des durch die NS-Herrschaft zerstörten internationalen Vertrauens. Als der mehrfach wiedergewählte Adenauer 1963 als Kanzler zurücktrat, hatten sich diese Bedingungen radikal geändert und verbessert.

Adenauer

Eigentlich war es ein konservativer alter Mann gewesen, unter dessen dynamischer Führung sich diese Veränderungen vollzogen.  Adenauer war bei seiner Erstkanzlerschaft bereits 73; als er 1964 erneut zum CDU-Bundesvorsitzenden gewählt wurde, stand er kurz vor seinem 90. Lebensjahr. Obwohl er sich als Bundeskanzler in die Geschichte einschrieb, hatte er schon seit der Kaiserzeit erfolgreich Politik gemacht. Bereits 1906 war der Zentrumspolitiker Adenauer Beigeordneter der Stadt Köln geworden, im Kriegsjahr 1917 sogar deren erster Oberbürgermeister. Als Präsident des Preußischen Staatsrats oder des Katholikentages in München 1922 festigte er seinen Ruf als einer der politischen Führungsfiguren des rheinischen Katholizismus. Im Dezember 1929 wurde Adenauer als Oberbürgermeister wiedergewählt. Keine zwei Monate nach Hitlers Regierungsübernahme 1933 setzten die Nationalsozialisten den ihnen verhassten Zentrumsmann ab. Adenauer überstand die NS-Zeit zurückgezogen überwiegend in Rhöndorf, stets unter der bedrohlichen Ungewissheit, was die Machthaber noch mit ihm vorhatten. Im August 1944 tauchte die Gestapo in Rhöndorf auf, durchsuchte sein Haus und verhaftete den 68-Jährigen. Er konnte zunächst fliehen, aber seine Frau Auguste wurde derart massiv schikaniert, dass sie das Versteck ihres geflohenen Mannes verriet, der daraufhin erneut gefasst und inhaftiert wurde. Die seelisch gebrochene Auguste Adenauer unternahm einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen sie im März 1948 starb. So erlebte sie nur noch ansatzweise den Erfolg ihres Mannes in den Nachkriegsjahren, der mit der neuen Partei CDU immer stärker den politischen Neuanfang in den besetzten Westzonen beeinflussen konnte.   

Geht man der Herkunft des Ausnahmepolitikers Adenauer nach, so stößt man bald allenthalben  auf Eifler Wurzeln. In der väterlichen Linie lässt sich die Reihe der Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert zum Stammvater Heinrich Adenaw/Adenauer zurückführen. Er lebte im heute zu Rheinbach gehörenden Flerzheim, wohin er vermutlich aus Adenau gezogen war. Flerzheim,  in der fruchtbaren Landschaft vor Köln und Bonn gelegen, wurde für dreihundert Jahre die Heimat dieser bäuerlichen Adenauer-Familie. Der erste nicht mehr in Flerzheim geborene Adenauer war der Großvater des Kanzlers: der Bonner Bäcker Franz Adenauer, der wie seine eifelstämmige Frau bereits vor dem 40. Lebensjahr starb. Conrad (18331906), ihr früh verwaister Sohn, ging zum preußischen Militär. Aus dem Krieg gegen Österreich kehrte er zwar dekoriert, aber als „Ganzinvalide“ zurück, der für einige Jahre von einer kargen Pension sowie einigen Talern „Verstümmelungszulage“ leben musste. Nach Reaktivierung für den deutsch-französischen Krieg heiratete er 1871 die Kölnerin Helena Scharfenberg (18491919) und wurde 1873 Beamter am Kölner Landgericht. 1876 wurde dieser Beamtenfamilie der später so berühmte Sohn Konrad geboren. Köln wurde Adenauers Stadt, wie man zeitlebens auch seiner Sprache deutlich anhörte: In Köln ging er zur Schule, dort machte er sein Abitur (1894), dorthin kehrte er nach seinem Jurastudium zurück. Im Tennisclub „Pudelnass“ lernte der Rechtsassessor seine Frau, die Lehrerin Emma (geb. Weyer) kennen, die er 1904 heiratete; aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Nach dem frühen Tod (1916) von Emma Adenauer heiratete der Witwer 1919 die 23-jährige Professorentochter Auguste („Gussie“) Zinsser; dem Paar wurden fünf Kinder geboren.

Zu den großen Erfolgen Adenauers gehörte das Erringen der absoluten Mehrheit bei der Bundestagswahl 1957. Dieser Triumph hing mit der sehr populären Rentenreform zusammen, spiegelte aber auch die Zufriedenheit mit der phänomenalen Aufwärtsentwicklung. Dabei war die Politik des kantigen Antikommunisten Adenauer keineswegs unumstritten: Gründung der Bundeswehr, Mitgliedschaft in der NATO und weitere grundlegende Weichenstellungen erfolgten gegen heftigsten Widerstand. Der „Alte“ ließ sich davon nicht wirklich beeindrucken. Bis in sein letztes Lebensjahr blieb er aktiver Politiker mit Leib und Seele, noch als 90-Jähriger besuchte er 1966 erstmals Israel. Als er 1967 starb, bestand nicht nur für den französischen Präsidenten de Gaulle an Adenauers Rang als einer der größten  europäischen Staatsmänner kein Zweifel.

(Quelle: Gregor Brand: Konrad Adenauer – Staatsmann mit Eifler Wurzeln in Flerzheim. In: Eifelzeitung vom 5. 12. 2013)

 

Elisabeth Zens (1887-1963)

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Elisabeth Zens (geb. 5. August 1877 in Bettenfeld, gestorben 22. 10. 1963 in Krefeld).

Elisabeth Zens (verheiratet mit Theodor Dörkes) war eine Tochter meiner Urgroßtante Eva Zens (geb 15. Dezember 1856 in Bettenfeld) und damit eine Kusine meiner Großmutter Eva Schleidweiler.

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